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Der Rosenbusch

Vor zig Jahren stand in der Feldmark auf einem breiten Wegesrand ein wilder Rosenbusch. Als ich Kind war, so sechs oder sieben, fuhr ich mit meinem Roller gerade im Juni oft dorthin, um seine wunderschönen, zarten Blüten zu bewundern. Eigentlich war es ein bisschen zu weit von zu Hause weg, und ich hatte auch immer ein wenig Angst so allein dort in der weiten Flur und fühlte mich wie die scheuen Rehe oder Hasen, wenn sie manchmal ängstlich sichernd über den Weg liefen. Doch der Rosenbusch faszinierte mich, denn es tummelten sich in den blassrosa Blüten Bienen, Hummeln und andere Sechsbeiner. Gerade die Hummeln kollerten und taumelten in den zarten, geöffneten Rosen wie betrunken. Ich konnte mich nicht satt sehen daran, der Busch zog mich magisch an, er war so unglaublich schön gewachsen, bestimmt vier Meter hoch und nie beschnitten worden. Im Herbst hing er dann voll mit roten Hagebutten, die mit ihrem satten Rot morgens im Herbstnebel leuchteten. Man sagte, einen guten Tee könne man davon zubereiten. So lernte ich als Kind, die Natur zu sehen, die Dornen an seinen Ranken zu fühlen, die Feinheit der Blüten zwischen den Fingerspitzen zu spüren. Nie pflückte ich eine Blüte ab, es erschien mir wie ein Frevel, solche Schönheit abzureißen und damit zu zerstören.
Doch eines Tages war der Rosenbusch fort. Ich sah die abgeschnittenen Stümpfe aus dem Boden herausragen, wie tote Arme lagen noch ein paar platt gefahrenen Ranken auf den kahlen Boden. Wie betäubt fuhr ich mit meinem Roller wieder nach Haus. Ich konnte nicht verstehen,, warum man den Rosenbusch gerodet hatte, einfach abgeschnitten, mit Stumpf und Stiel. Ich nahm diesen Weg danach nur noch selten, denn immer wenn ich an der nun kahlen Stelle vorbei rollerte oder später, als ich älter war, mit dem Fahrrad daran vorbeifuhr, wurde ich traurig, wie es ein Kind nur sein kann. Nie habe ich erfahren, warum man den Busch zerstörte, denn der Wegsrand war breit, von den Feldern trennte ihn ein breiter Graben und der Busch störte niemanden. Auf der kahlen Stelle wuchs langsam immer mehr Gras, doch wirkte der Boden dort mehrere Jahre so, als wäre dort eine Narbe zurück geblieben. 
Langsam verschwanden dann auch der Holunder, die Schlehen , der Weissdorn und natürlich die Rosenbüsche von den Wegrändern und Gräben. So einen großen, ja majestätischen Rosenbusch habe ich deshalb nie wieder gesehen.
Heute, viele, viele Jahre später, ist es wieder Juni und somit die Zeit der blühenden Rosen gekommen. Heute sah ich neben dem Garagentor, dass sich ein wilder Rosenbusch mit weiss-und blassrosa Blüten unter der Kletterrose durchschlängelte .
Es zauberte mir ein Lächelns auf´s Gesicht….

Wind im Haar

Mit 13 entdeckte ich aus Langeweile das alte Rennrad meines Bruders. Es war natürlich viel zu groß für mich, wenn es stand, musste ich es wegen der Mittelstange seitlich stellen, um mit einem Fuß noch den Boden zu berühren, aber ich fuhr sehr gern damit.

Es hatte nämlich eine Gangschaltung und in meinen Gedanken war es wie ein Vollblutpferd für mich, denn es war schnell und schnurrte auf der Strasse wie ein Uhrwerk. Ich glaube, es war ein gutes Rad. Und so fuhr ich von zu Haus 3 km weiter in den Nachbarort, von dort führte eine Strasse  hoch nach Sievershausen, den Ort meines eigentlichen Ziels. Die Steigung von 2  km schnurgerader Strasse machte mir zu schaffen, doch ich kämpfte und widerstand der Versuchung abzusteigen und zu schieben. Schwitzend und erschöpft kam ich oben  an und  das nur  zu einem Zweck: freihändig die 5 km andere Strasse,  die viel steiler zurück wieder nach unten in mienem Heimatort führte,  runter zu fahren, den Wind in den Haaren spüren, fühlen, wie der Körper und das Rad zu einer Einheit verschmelzen, der Leichtigkeit und  Fähigkeit meines Körpers zu vertrauen, die Balance zu halten in der Kurve, auf jeder Unebenheit.  Die Hände vor der Brust verschränkt oder locker neben dem Körper hängen lassen, das war das Gefühl von Freiheit und die Fahrt  kam mir unendlich vor- ich erinnere mich noch genau und kann mich in Gedanken wieder in die Zeit vor 40 Jahren versetzen-  die Wärme auf der Haut , das Einsein mit allem, der Umgebung, der Natur, mit dem Rad, im Hier und Jetzt.  Heute weiss ich, es der Moment der Hingabe, wo alles stimmt, wo es keine Zweifel, keine Gedanken  sondern nur das Jetzt gibt, wo  ganz selbstverständlich der Körper im perfektem Gleichgewicht  die Kurve nimmt,  und alle Kraft, Geschmeidigkeit, Leichtigkeit der Welt hat.

Wenig später wurde  die Strasse begradigt, die Kurve gibt es nicht mehr, die Obstbäume am Rand am verwilderten Graben und auch nicht das starke Gefälle.  Heute  ist es verpönt, freihändig zu fahren, ohne Helm mit einem  unpassenden Rad.  Freiheit haben wir ja, denken wir, aber in Wirklichkeit  wurde sie schon lange  ausgetauscht  gegen Effizienz,  Rationalität und Sicherheit.

Es gibt sie nur noch selten, die Hingabe an den Moment, den Glaube in die eigene Geschicklichkeit und Kraft, und in die  Intuition, wann man an den Lenker fassen muss und wann man loslassen kann und vor allem etwas zu Tun, einfach um des Tuns wegens.

Wer darf noch solche Erfahrungen machen? Wer will heute solche Erfahrungen noch machen? Wo der einzige Plan nur war, den Wind in den Haaren zu spüren?